Kambodscha: Apsara-Tanzschule in Phnom Penh und Angkor

Apsaratanz in Kambodscha

Apsara – der Tanz der himmlischen Nymphen, hat in Kambodscha eine jahrhundertelange Tradition. Könige verehrten die Tänzerinnen für ihre außergewöhnliche Schönheit und ließen sie überall im Tempelkomplex Angkor in Stein verewigen.

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Kambodscha. Tägliches Training der Tanzschülerinnen in der Apsara-Tanzschule Apsara Arts Association in Phnom Penh.
Schülerinnen in der Tanzschule Apsara Arts Association in Phnom Penh

Höhepunkt: Auftritt in Angkor

Das Lächeln ist entrückt, die kleinen, weißen Blüten des goldenen Kopfschmucks hüpfen bei jeder zaghaften Bewegung, Seidenröcke rascheln geheimnisvoll. Die Tänzerinnen scheinen durch die Ruinen von Preah Khan, einem Tempel aus dem 12. Jahrhundert in der alten Khmer-Stadt Angkor, bei ihren Auftritt vor der Touristengruppe zu schweben. Hier wurde schon vor Jahrhunderten der Apsara-Tanz für den König aufgeführt. Heute bestaunen Besucher aus aller Welt das traditionelle höfische Schauspiel – es sind weit mehr als vier Million, die jährlich nach Kambodscha reisen.
„Oh wie schön!“, flüstert eine Britin. „Und wie leicht alles aussieht.“ Dass das Tanztraining hart ist, weiß hier kaum jemand. Genau so wenig ist bekannt, dass dieser Bestandteil kambodschanischer Kultur noch bis vor einigen Jahren so gut wie nicht mehr existierte.

Kambodscha, Angkor. So wie vor Jahrhunderten führen noch heute die Apsaratänzerinnen in der Tanzhalle im Tempel Preah Khan ihren Tanz vor.
Apsara-Tänzerinnen im Tempel Preah Khan in Angkor

Eine Apsara-Tänzerin posiert neben einer Stein-Apsara im Tempel Preah Khan der Tempelanlage Angkor in Kambodscha.
Apsara-Tänzerin im Tempel Preah Khan in der Tempelstadt Angkor in Kambodscha

Wir besuchen eine Tanzschule am westlichen Stadtrand von Phnom Penh, knappe 350 Kilometer von Angkor entfernt. Rami kniet auf der Holzbühne der Tanzschule „Apsara Arts Association“ (AAA). Sie sitzt auf ihren Fersen, die Zehen halten die Balance. Der Rücken ist kerzengerade, alle Muskeln stehen unter Spannung.

Der Traum von großen Bühnen

Die 26-Jährige Tanzlehrerin tanzt vor, neun Schülerinnen versuchen ihren akkuraten Bewegungen zu folgen. Alle tragen Seidenblusen in Rot, Blau oder Grün und dazu passende Wickelröcke.

Mehrere Stunden am Tag trainieren die Schüler in der Apsara-Tanzschule in Phnom Penh. Tanzlehrerin Rami zeigt eine exakte Pose.
Kambodscha, Phnom Penh, Training in der Apsara-Tanzschule Apsara Arts Association

Ein männliches Trio begleitet sie mit Xylofon, Oboe und Gong und untermalt den scheinbar mühelosen Tanz der sogenannten Himmelsnymphen. Apsaras sind in der Landesmythologie halb irdische, halb göttliche Wesen, die den Himmel bewohnen und als Mittlerinnen zur Erde gelten. In der Blütezeit Angkors vom 8. bis 13. Jahrhundert sollen zu feierlichen Anlässen für König Jayavarman VII. bis zu 3000 Apsara-Tänzerinnen aufgetreten sein. In der Tanzschule in Phnom Penh dagegen sind die Tänzerinnen weltlich, noch sehr jung und heißen Chetra, Kanha, Sivtoi, Si Det oder Srey Pich. Sie träumen davon, einmal vor großem Publikum ihr Können zu zeigen. Lehrerin Rami hilft ihnen dabei Schritt für Schritt dem ersehnten Ziel näher zu kommen. Dafür braucht man einen sehr langen Atem: „Um diese Kunst perfekt zu beherrschen, sind mindestens acht Jahre intensives Training nötig“, erklärt sie.

Krieg, Gewalt und Völkermord

Für ihre Tätigkeit hätte Rami vor gut drei Jahrzehnten noch mit Gefängnis, Folter oder dem Tod rechnen müssen. Als 1975 die Roten Khmer an die Macht kamen, hatten sie ein Ziel: die Vernichtung des geistigen und kulturellen Erbes des Landes.

Apsara-Tanzschule in Phnom Penh. Tanzschülerinnen in der tanzschule Apsara Arts Association üben einmal am Tag.
Phnom Penh, Schülerinnen in der Apsara-Tanzschule

Ein reiner Agrarstaat sollte Kambodscha werden – das war das Ziel der maoistisch-nationalistischen Guerillabewegung. Die Roten Khmer waren in Kambodscha von 1975 bis 1979 an der Macht, ihr Anführer Pol Pot ließ Intellektuelle, Künstler, Aristokraten und Mönche foltern und hinrichten. Schon das Tragen einer Brille oder Fremdsprachenkenntnisse reichten für ein Todesurteil.
Fast zwei Millionen Menschen fielen dem Regime zum Opfer. Den Tanz der Apsaras bezeichnete „Bruder Nr. 1“, wie Pol Pot genannt wurde, als elitäres Produkt der Bourgeoisie. Und ließ im Königspalast in Phnom Penh die Partituren, kostbaren Kostüme und seltenen Instrumente für den Apsara-Tanz vernichten. Selbst vor dem königlichen Ballett machte er nicht halt. Wenige Tänzerinnen überlebten die Gräueltaten.

Feldarbeit statt Tanzübungen

Eine dieser Tänzerinnen, die knapp dem Tod entkam, ist Vong Metry. Sie ist heute die Chefin von Tanzlehrerin Rami und die Gründerin der „Apsara Arts Association“. Früher gehörte Vong Metry zur Tanzelite Kambodschas. Mit fünf Jahren begann die heute 61-Jährige ihre Ausbildung im Königspalast. Dort trat sie bei feierlichen Anlässen und Empfängen auf. Doch dann kamen die Roten Khmer: 1975 wurde Vong von ihren Eltern getrennt, sah sie nie wieder lebend. Sie musste sich verstecken und fand als Bäuerin Schutz in der Provinz Battambang. Dort hieß es Feldarbeit statt Tanzübungen. Jede noch so kleine Bewegung einer Ballerina hätte sie verraten – Spitzel hatte Pol Pot überall im Land. „Hätten die mich entdeckt, läge ich jetzt mit Sicherheit in einem der 300 Massengräber auf den Killing Fields“, ist sich Vong Metry sicher. Erst nach vier langen Jahren stürzte die Armee von Vietnam das Terrorregime. Die Roten Khmer hatten zu oft ihre Grenzen verletzt. Doch es sollte noch viele Jahre dauern, bis wieder getanzt wurde.

Frau Vong Metry ist Chefin und Gründerin der Apsara-Tanzschule Apsara Arts Association in Phnom Penh, Kambodscha.
Vong Metry ist die Gründerin der Tanzschule Apsara Arts Association in Phnom Penh

Tanzschule „Apsara Arts Association“

1998 war es dann so weit: Vong Metry gründete ihre eigene Tanzschule.
Heute, da das traditionelle Erbe in Kambodscha eine wichtige Rolle für den Tourismus spielt, läuft die Tanzschule gut. Apsara-Tänzerinnen sind heute im südostasiatischen Raum glücklicherweise keine Seltenheit mehr. Tatsächlich gibt es viele verschiedene Spielarten dieses Tanzes, der im 12. Jahrhundert vor allem der Unterhaltung der königlichen Familien diente. In Kambodscha ist er jedoch besonders verwurzelt. Davon zeugen auch die vielen filigranen Steinmetzarbeiten in den Tempelanlagen von Angkor. Die Reliefdarstellungen zeigen Himmelsnymphen mit einem göttlichen Lächeln und unterschiedlichen Tanzszenen. Der Tempel-Tanz ist 1500 Jahre alt und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Die „Apsara Arts Association“ ist mehr als nur eine Tanzschule. Vong Metry und ihr Mann Chhay Sopha geben den Mädchen und Jungen eine neue Perspektive. „Jugendkriminalität und Kinderprostitution sind in diesem armen Land leider zwei sehr große Probleme“, erzählt Vong. Die Schule ist Waisenhaus und Anlaufstelle für Kinder, die von ihren Eltern verstoßen wurden. 20 Mädchen und Jungen leben in den Unterkünften hinter der Bühne, sie erhalten Essen und eine fundierte Schulbildung. Möglich ist das nur durch die Einnahme von Eintrittsgeldern und Spenden.

Die Schülerinnen in der Apsara-Tanzschule Apsara Arts Association, Phnom Penh, Kambodscha, üben jeden Tag mehrere Stunden.
Tanzübungen in der Apsara Arts Association in Phnom Penh

Der Apsara-Tanz ist ein Knochenjob.

1500 Gesten und Mimiken gehören zum Repertoire. Allein für die Darstellung des Lebenszyklus einer Frucht gibt es neun verschiedene, komplizierte Handstellungen. Rami beherrscht sie alle. Sie war eine der ersten Studentinnen in der AAA und ist heute die rechte Hand von Vong Metry. „Als ich bei meinen ersten Dehnungsübungen minutenlang verharren musste, kamen mir oft die Tränen vor Schmerzen“, erinnert sich Rami. „Präzision ist sehr wichtig. Die sehr langsamen Bewegungen lassen keinen Raum, um unbemerkt einen Patzer zu machen.“ Rami arbeitet täglich in der Tanzschule, geübt wird drei Stunden am Vormittag, vier am Nachmittag. „Wenn ich auf der Bühne tanze, bin ich nicht ich selbst“, erzählt Rami. „Ich versetze mich in Gedanken ins 12. Jahrhundert nach Angkor und stelle mir vor, eine echte Apsara zu sein.“ Rami lacht. „Das ist übrigens auch das beste Mittel gegen mein Lampenfieber.“

Kambodscha, Phnom Penh, Dehnungsübungen in der Apsara-Tanzschule Apsara Arts Association gehören zum täglichen Tanztraining.
Dehnungsübungen für die Finger in der Apsara-Tanzschule in Phnom Penh

Handgesten sind ein wichtiges Ausdrucksmittel beim Apsara-Tanz. Hier zeigt eine Tanzlehrerin eine Pose in der Apsara-Tanzschule Apsara Arts Association, Phnom Penh, Kambodscha.
Üben von Handsymboliken in der Apsara-Tanzschule

Kambodscha, Phnom Penh, Apsara-Tanzschule Apsara Arts Association, Zum täglichen Training gehören Beinübungen.
Beinübungen in der Tanzschule Apsara Arts Association in Phnom Penh

Das Lächeln kehrt zurück

Es ist sechs Uhr am Abend, die kleinen Schüler sind nervös. „Eine Reisegruppe hat sich für heute angemeldet“, freut sich Rami. „Das ist eine wichtige Einnahmequelle. Wir benötigen wirklich jeden Cent!“ Ramis Schützlinge feiern heute Premiere.
„Ich bin aufgeregter als meine Kinder“, lacht sie. Schnell noch wird die Bühne gewischt, dahinter hört man lautes Gekicher. In einer Stunde werden alle Tänzer angekleidet und geschminkt sein. Dann schweben die himmlischen Apsaras über die kleine Bühne und betören die Zuschauer mit ihrem entrückten Lächeln.

Kambodscha, Phnom Penh, Apsara-Tanzschule Apsara Arts Association, Nur durch tägliches Training können die Schülerinnen den perfekten Apsara-Tanz in einer Show aufführen.
Tanzlehrerin Rami mit ihren Schülerinnen in der Apsara-Tanzschule in Phnom Penh

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