Myanmar: Buddha im Goldrausch
Die geflügelte Viktoria auf der Siegessäule in Berlin, auch liebevoll „Goldelse“ genannt, würde vor Neid erblassen, wenn sie in Myanmar den Mahamuni-Buddha oder den Goldenen Felsen Kyaiktiyo sehen würde. Nirgendwo sonst auf der Welt wird so viel Gold gespendet wie in Myanmar. Goldsucher am Ayeyawady liefern täglich Nachschub von dem beliebten Edelmetall für Buddha & Co unter extrem harten Bedingungen.
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Hey, wir sind Annett und Mario. Seit vielen Jahren arbeiten wir als Fotografen und Reisejournalisten. Unsere Schwerpunkte: Südostasien, Balkan und Camping. Du findest unsere Reportagen und Fotos in der GEO, Stern, Spiegel, GEOSaison und in Bildbänden.
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Gold für das kleine Glück
Es knirscht entsetzlich laut, wenn Ma Tun Hlaing die Schaufel in den steinigen Boden rammt. Tief gebeugt schippt sie kiloweise Geröll aus dem Flussbett in ihren geflickten Bastkorb. Ihr Strohhut schützt sie vor der brennenden Sonne, ihre Hose ist nass vom Flusswasser, feste Schuhe hat Tun schon seit Jahren nicht mehr getragen. „Wir suchen hier nicht nach großen Reichtümern“, erzählt die 32-jährige Goldwäscherin aus dem Örtchen Thanpe im Norden des Landes. „Wenn es uns gelingt, mit dem Goldschürfen unsere Kinder zu ernähren und vielleicht sogar ihre Schulausbildung zu finanzieren – ja, das wäre für uns das größte Glück.“

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Reiches Land, arme Bevölkerung
Myanmar grenzt an Thailand, Laos, China, Indien, Bangladesch und den Golf von Bengalen. Fast ein halbes Jahrhundert stand der südostasiatische Staat unter einer Militärdiktatur. Das Land war international isoliert und für touristische Reisen nur schwer zugänglich. Seit den Wahlen im November 2015 und dem haushohen Sieg der Oppositionspartei „National League for Democracy“ (NLD) durchläuft Myanmar eine Phase der politischen und wirtschaftlichen Kehrtwende. Nach knapp 50 Jahren steht nun wieder ein ziviler Präsident an der Spitze des Staates. Aber schon unter der Führung von Thein Sein versuchte sich die Regierung ab 2010 an einem langsamen Prozess der Demokratisierung, öffnete sich vorsichtig wieder dem Ausland und nahm Gespräche mit der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi auf. Obwohl Myanmar reich an Bodenschätzen, besonders an Mineralien, Edelsteinen und Gold ist, zählt es immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt. Die ehemaligen Generäle bereicherten sich immens und wirtschafteten sukzessive Myanmar in Grund und Boden. In dem Vielvölkerstaat mit knapp 55 Millionen Einwohnern arbeiten über 70 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft. Viele von ihnen müssen sich mehrere Verdienstmöglichkeiten suchen, um ihre Familie ernähren zu können und den Kindern den Besuch einer Schule zu ermöglichen. Glücklich kann sich da schätzen, wer wie Tun Gold schürfen kann, um die Haushaltskasse ein wenig aufzubessern.


Tagesausbeute von umgerechnet zwei Euro
Wenn morgens die Sonne über die kahlen Bergketten klettert und die letzten Nebelfetzen über der Wasseroberfläche tanzen, rückt Familie Hlaing mit Bambusrutsche, Filzmatte, Schaufel und Eimer an. Ihr Arbeitsplatz ist das steinige Ufer, dort wo die Flüsse Malihka und Mehka zusammentreffen und sich zu Myanmars Lebensader, dem Ayeyarwady, vereinigen. Hier gräbt die Familie sich Meter für Meter durch das Geröll, um an den goldhaltigen Sand zu gelangen. Ihre Ausbeute am Tag: umgerechnet zwei Euro. Der Sand wird geschichtet, gesiebt, gewaschen und nach Goldpartikeln durchsucht. Diese bindet Tun dann mit hochgiftigem Quecksilber. Sie weiß, dass es schädlich für ihre Gesundheit ist: „Aber wir haben keine andere Möglichkeit, das Gold aus dem feinen Sand zu filtern.“ Das Gold als lebenswichtige Einnahmequelle für Tun und ihre Familie könnte allerdings bald versiegen.

Bau des umstrittenen Myitsone-Damm
Zehn Kilometer nördlich verändert das chinesische Staudammprojekt „Myitsone Hydro Power“ die idyllische Landschaft mit den grünen Bergen und fruchtbaren Feldern. Die riesige Baustelle liegt nahe Myitkyina, der Hauptstadt der Provinz Kachin. Seit der Wahl im November 2010 liegt das Projekt auf Eis und soll eventuell frühestens Anfang 2016 wieder aufgenommen werden. Denn dann ist die nächste Regierung nicht mehr an das Fünf-Jahre-Moratorium des Präsidenten Thein Sein gebunden. Geht es nach der chinesischen Regierung und dem Unternehmen „China Power Investment“ (CPI), soll der Staudamm bis 2018 fertig sein. Im Norden von Myanmar sind acht Staudämme am Ayeyarwady und seinen Zuflüssen geplant, wovon der Myitsone-Damm der umstrittenste ist, weil er große Reisanbaugebiete überschwemmen würde. Aber auch das Ufer, an dem Tun Hlaing und die anderen Dorfbewohner ihre paar Krümel Gold schürfen, würde unter den Wassermassen verschwinden. „Wir finden 15 Gramm Gold pro Saison und die werden uns durch den Staudamm genommen. Genauso wie unsere Heimat“, klagt Tun. Denn irgendwann wird auch ihr Dorf umgesiedelt werden.


Reich wird hier niemand
50 Kilometer weiter stromabwärts suchen ebenfalls Goldwäscher das große Glück. Wer hier allerdings Goldgräberromantik vermutet, wird enttäuscht. Das Flussufer ist teilweise kilometerweit zerfressen und verwüstet von einer gnadenlosen Schürfindustrie. Es stinkt überall nach Diesel, auf dem Wasser wippen rostfarbene Schaumkronen. Eine Mine reiht sich an die andere, wo bis zu zehn Personen in einer Grube arbeiten – und das, obwohl vermehrt Dieselmotoren die schwere Handarbeit übernehmen. Ohne Pause saugen die Pumpen mit ohrenbetäubenden Geknatter in den Kratern ein Gemisch aus Wasser und feinem Sand vom Erdboden auf und speien die schlammige Brühe über einer mit grünem Filz ausgekleideten Holzrutsche wieder aus. In diesem Geflecht verfängt sich der feine Goldstaub. Mit Holzpfannen waschen Frauen den Schlamm aus und binden auch hier die winzigen Körnchen mit dem giftigen Quecksilber.

Eine dieser vielen Minen betreibt die 43-jährige Daw Taung Kye. Sie wohnt mit ihrer Familie in einem spartanischen Holzhaus in Hörweite der Goldminen. „Wer mit Gold arbeitet, badet nicht im Reichtum“, klärt Taung Kye auf. „Täglich laufen acht Pumpen von Sonnenaufgang bis zum Abend – für etwa vier Gramm Gold. Davon muss ich die Arbeiter, den Diesel, anfallende Reparaturen und die Schürfkonzession bezahlen. Der Rest reicht gerade zum Leben.“ Je nach Tagespreis und Zwischenhändler erhält Taung für ein Gramm reines Gold rund 25 Euro. Abnehmer sind unter anderem Blattgoldmanufakturen wie „Gold Rose“ von Ma Tin Tin Nwy.

Bildband Heilige Plätze in Südostasien
Die faszinierende Shwedagon-Pagode in Myanmars größter Stadt Yangon, das Wat Rong Khun, der extravagante Weiße Tempel im Norden Thailands, das Heiligtum That Luang, bedeutendes Pilgerzentrum in der laotischen Metropole Vientiane, oder Wat Phnom, städtisches Wahrzeichen und höchste Stupa von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh sind nur einige von vielen Plätzen und Orten, die in diesem Bildband vorgestellt werden.

Heilige Plätze Südostasien*
Für diesen Bildband haben wir die heiligen Plätze in Südostasien aufgesucht und fotografiert.Gold für Buddha
Mandalay, Stadtbezirk Myet Pa Yup. Es ist schwülwarm. Stickige Luft, geschwängert mit dem aromatischen Duft glimmender Räucherstäbchen, füllt den fensterlosen Raum im Haus 108 in der 36. Straße. Dumpfe, harte Schläge im schummrigen Neonlicht deuten auf harte Arbeit hin. Aung Kyaw Moe hat den Vorschlaghammer fest im Griff. Zielsicher landet das Eisen auf der mit Gold gefüllten Hirschlederpackung – 40 Schläge in der Minute. Aung Kyaw Moe ist Goldklopfer in der Blattgoldmanufaktur „Gold Rose“.

Die hauchdünnen Goldplättchen, die hier mühevoll hergestellt werden, stehen bei den Burmesen als Spende für Buddha hoch im Kurs. Bei Hochzeiten, vor einer Novizenweihe, auf Pilgerfahrten, bei einem Pagodenfest – Anlässe, ihrem Religionsstifter die Ehre zu erweisen, finden sich immer und überall. In Myanmar dominiert der Buddhismus, somit glauben die Menschen hier an die Wiedergeburt. Deshalb ist es für jeden Gläubigen wichtig, sein Karma, die Anhäufung von guten Taten, ständig im Plus zu halten, um im nächsten Leben nicht als Tier oder eine andere Kreatur wiedergeboren zu werden. Also wird fleißig gespendet. Myanmar nennt man nicht ohne Grund „Land der goldenen Pagoden“. Hier werden gigantische Mengen Gold an Buddha-Statuen und Pagoden angebracht, die überall im Land zu finden sind. Allein die 98 Meter hohe Kuppel der prächtigen Shwedagon-Pagode (shwe bedeutet Gold und dagon ist der alte Name für Yangon) im Zentrum von der Landesmetropole Yangon soll mit 55 Tonnen reinem Gold belegt sein.

Goldklopfen ist Männersache
Ma Tin Tin Nwy, die Besitzerin der Blattgoldmanufaktur, sorgt mit ihren 95 Mitarbeitern für regelmäßigen Nachschub der edlen Opfergaben. Hier befindet sich die komplette Produktion unter einem Dach. Ma Tin Tin Nwy ist eine resolute Frau mit einem ausgeprägten Geschäftssinn. Den Familienbetrieb hat sie von ihrer Mutter Daw Tin Yi übernommen. Sie führt jetzt das Traditionsunternehmen bereits in vierter Generation. Schon als junges Mädchen musste Frau Tin Tin jeden einzelnen Schritt der Verarbeitung erlernen – Goldklopfen ausgenommen. Dieser Arbeitsplatz ist nur den Männern vorbehalten und darf von Frauen nie betreten werden. Dies würde einer Entweihung gleichkommen. Heute, nach neun erfolgreichen Jahren, kann sie von sich behaupten, schon einige Kilo Gold in den Händen gehabt zu haben, allerdings war es bisher nie ihr eigenes. Zu ihr kommen die Auftraggeber mit einem Stück reinem Edelmetall, lassen es wiegen und Ma Tin Tin Nwy errechnet daraus die Anzahl der Goldplättchen. „Seitdem immer mehr Touristen nach Myanmar kommen und unsere Goldmanufaktur besuchen, lohnt es sich für das Geschäft sogar, Gold selbst anzukaufen“, erzählt die Managerin.


Sechseinhalb Stunden mit dem Vorschlaghammer
Bevor der Goldklopfer jedoch zum Vorschlaghammer greifen kann, wird der Goldklumpen geschmeidig gemacht. Das kostbare Metall durchläuft einen stundenlangen Kreislauf aus Erwärmen, Wässern, Dengeln und Rollen, bis schließlich ein flacher Goldsteifen entstanden ist. Der Goldschmied rechnet hierbei noch in der Maßeinheit Tical, einer Einheit, die ursprünglich auch für Opiumgewichte galt. Als Beispiel: Drei Tical entsprechen knapp 50 Gramm. Daraus fertigt der Schmied ein zweieinhalb Meter langes Goldband an, das einen Zentimeter breit und knapp einen Millimeter dick ist. Mit geübtem Auge setzt Ma Tin Tin Nwy die Schere an und schneidet den schmalen Goldstreifen in gleich große Stückchen. Die Plättchen, akkurat zwischen 200 Blatt Bambuspapier eingelegt, werden traditionell mit Hirschleder ummantelt. Das ganze Paket zurrt der Goldklopfer an einem Feldstein fest. „Insgesamt sechseinhalb Stunden wird das Paket mit dem Vorschlaghammer bearbeitet“, erklärt Frau Tin Tin Nwy. „Dabei muss der Goldklopfer alle drei Minuten auf eine andere Ecke schlagen, um das Gold gleichmäßig zu treiben.“ Als Zeitmaß dient die schwimmende Schale einer Kokosnuss. Durch eine kleine Bohrung an der Unterseite läuft sie mit Wasser voll und versinkt. Die Pausen der Goldklopfer sind streng reglementiert. Das Gold darf sich zwischenzeitlich nie abkühlen.

Ein Mantel aus Gold
Größter Auftraggeber von „Gold Rose“ ist die Mahamuni-Pagode in Mandalay. Die goldene Buddha-Statue im Innern zählt neben der Shwedagon-Pagode und dem Goldenen Felsen Kyaiktiyo zu den drei wichtigsten Pilgerstätten des Landes, die ein gläubiger Burmese mindestens einmal in seinem Leben aufsuchen sollte. Der Leibesumfang des vier Meter großen „Alten Weisen“, genährt von täglichen Goldspenden der Pilger, schwoll im Laufe der Jahre auf weitere 20 Zentimeter an. Auf den wulstigen Schultern, Armen und Knien, der im Lotussitz verweilenden Statue, kleben in Abermillionen feinen Schichten mittlerweile über zwei Tonnen der gespendeten Goldplättchen. Schon der kleine Finger von diesem Buddha würde wahrscheinlich bei vielen alle finanziellen Probleme lösen.

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Zwei Euro: Tageslohn einer Arbeiterin
In einem verglasten Raum an schwarz lackierten Tischen puzzeln vier junge Frauen das frisch geklopfte Gold zu fünf mal fünf Zentimeter großen Quadraten zusammen und verpacken das fertige Blattgold für den Verkauf. In Ma Tin Tin Nwys Souvenirshop kosten zehn Lagen Blattgold in der Größe einer Streichholzschachtel umgerechnet knapp zwei Euro – der Tageslohn einer Mitarbeiterin bei „Gold Rose“ oder der von Goldschürferin Ma Tun Hlaing. Ob Ma Tin Tin Nwy nicht Bedenken hat, dass hier in der Fabrik jemand heimlich etwas Gold für sich abzweigt? „Nein, da habe ich überhaupt keine Angst“, versichert uns Tin Tin lächelnd. „Das Gold ist für Buddha. Daran würde sich hier niemand vergreifen.“



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