Von Hanoi nach Sapa: Zugreise, Taphin und Vietnams Bergvölker

» Artikel aus unserem Vietnam Reiseführer

Mit dem Zug von Hanoi nach Lao Cai: Tagesfahrt durch Nordvietnam mit dem Ziel Sapa und Taphin

Die Zugfahrt am Tag von Hanoi nach Lao Cai ist keine schnelle Verbindung – und genau darin liegt ihr Reiz. Früh am Morgen ruckelt der einfache Bummelzug mit seinen Holzbänken aus der vietnamesischen Hauptstadt hinaus, vorbei an Reisfeldern, Flussarmen und kleinen Bahnhöfen, an denen das Leben scheinbar im eigenen Rhythmus weitergeht. Stundenlang entfaltet sich Nordvietnam wie ein lebendiges Panorama vor dem Fenster, bis der Zug am späten Nachmittag Lao Cai erreicht. Von hier aus bringt ein Minivan Reisende in die Bergstadt Sapa, Ausgangspunkt für Entdeckungen in Taphin und zu den Bergvölkern der Region, deren Traditionen und Alltag tief in der spektakulären Landschaft des Hoàng-Liên-Gebirges verwurzelt sind.

Klar, der Schlafwagen hätte uns eine bequeme Nacht und eine gesparte Hotelbuchung beschert. Aber wir wollten was sehen und nicht schlafen! Also rein in den Tageszug von Hanoi nach Lao Cai, Fensterplatz sichern und ab ins bunte Treiben auf der Strecke nach Sapa – inklusive dieser kleinen Erlebnisse mit den Mitreisenden und dem Schaffner.

Die Alternativen zur Tageszugfahrt ist eine 🚅 » Fahrt mit dem bequemen Nachtzug* von Hanoi nach Lao Cai in einem Schlafwagen mit Kabinen für zwei oder vier Personen oder mit einem 🚌 » VIP Bus nach Sapa in der Einzelkabine*.

Frau mit Reishut zwischen Reisfeldern und Palmen, gesehen aus dem Zug von Hanoi nach Lao Cai
Zugreise von Hanoi nach Sa Pa

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Artikelinhalt: Zugfahrt von Hanoi nach Sapa

  1. Zugfahrt Hanoi nach Lao Cai / Sapa
  2. Unser Fazit zur Zugfahrt und Sapa
  3. Reiseführer für Vietnam

Mit dem Zug von Hanoi nach Lao Cai

Durch die geöffneten Fenster dringt kein einziger Lufthauch. Verstaubte Ventilatoren rasseln unermüdlich an der Decke und versuchen vergeblich, die feuchtwarme Luft in Bewegung zu bringen. Flackernde Leuchtstoffröhren, kaum heller als brennende Kerzen, tauchen das Zugabteil in ein diffuses Schlummerlicht. Warten. Schwitzen. Stillstand.

Dann der erlösende Pfiff des Zugbegleiters, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Quietschen. Nur widerwillig lösen sich die trägen Bremsen. Ein kräftiger Ruck lässt jeden Halswirbel schmerzhaft spüren, wie schwerfällig dieser Zug ist – und in letzter Sekunde springen die Baguette-Verkäuferinnen von den Trittbrettern. Endlich zieht ein leichter Windzug durch die Bankreihen und bringt spürbare Abkühlung.

Pünktlich fünfzehn Minuten nach sechs Uhr verlässt der Nord-West-Express LC3 den Hauptbahnhof Ga Ha Noi in Hanoi mit Ziel Lao Cai – Ausgangspunkt für die Weiterfahrt mit dem Bus in den Bergort Sa Pa. Zehn Stunden wird der Zug für die rund 300 Kilometer lange Strecke benötigen.

Im Schritttempo über den Roten Fluss

Im Schritttempo schiebt sich die Bahn über die aus Stahl gebaute Long-Bien-Brücke über den Roten Fluss Richtung Norden. Der Himmel wandelt sich von Dunkelgrau zu einem zarten Pastellrosa. Vereinzelte Nebelfetzen tanzen gespenstisch über die Wasseroberfläche von Hanois Lebensader. Die Stadt erwacht langsam: Morgenmärkte öffnen, der Verkehr setzt ein, am Flussufer bewegen sich Menschen beinahe in Zeitlupe – sie zelebrieren ihr Tai Chi, die morgendliche Gymnastik zur Stärkung von Herz, Kreislauf und Geist.

Im Abteil jedoch sinken die meisten Fahrgäste erneut in Tiefschlaf. Diese Ruhephase während der Zugfahrt kommt den Vietnamesen sehr gelegen. Vietnam ist hektisch, öffnet sich politisch und wirtschaftlich nach außen. Vietnam ist im Aufbruch.

Frauen der Schwarzen Hmong bei der Reisernte auf einer Reisterrasse in Sapa
Reisernte bei den Black Hmong in der Nähe von Sa Pa

Hanoi, die alte moderne Dame

Hanoi liefert dafür das beste Beispiel: Seit der Doi Moi – der vietnamesischen Version der Perestroika – boomt wieder privates Gewerbe in der Hauptstadt. Die Menschen wuseln und wirbeln durch die Straßen, ständig in Bewegung. Zwischen Literaturtempel, Ho-Chi-Minh-Mausoleum, französischen Kolonialvillen und Relikten aus dem Krieg spiegeln sich Fortschritt und Moderne in den Glasfassaden der Banken, Luxusherbergen und Autohäuser wider.

Hoteltipps für Hanoi

Hanoi ist riesig – und genauso groß ist die Auswahl an Unterkünften, egal ob du günstig übernachten oder es dir richtig bequem machen willst. Besonders spannend für Besucher ist die Altstadt, das Herz der Stadt und ein echtes Highlight für alle, die Kultur und Geschichte erleben möchten. Am praktischsten ist es, direkt in der Altstadt oder am Westsee zu übernachten, so bist du in Windeseile bei den meisten Sehenswürdigkeiten. Ein kleiner Tipp: Gerade zu Feiertagen und vor allem zum Tet-Fest solltest du dein Hotelzimmer unbedingt rechtzeitig buchen, sonst kann es eng werden.

Hotels in der Altstadt von Hanoi

  • Mitten in der Altstadt, nur 250 Meter vom Hoan Kiem See entfernt, steht das » Bendecir Hotel & Spa* mit komfortablen Zimmern und Rooftop-Bar.
  • Auch das » Hotel du Lac Hanoi* punktet mit zentraler Lage, ansprechenden Zimmern und herrlichem Blick von der Dachterrasse.
  • In der Nähe des Dong Xuan Marktes liegt das » Golden Rooster Hotel* mit ansprechenden Zimmern.
Hotels in der Altstadt von Hanoi

Hotels in der Altstadt Hanoi

Hanoi im Wandel – Moderne trifft Tradition

Der morbide Charme der Millionenmetropole bröckelt an allen Ecken. Die Stadt gleicht sich immer mehr an Ho Chi Minh City an. Reishüte passen nicht mehr in das Stadtbild; Schirmmützen mit Logos amerikanischer Getränke-Giganten, Britney Spears oder Bayern München schützen die Jugend heute vor der Sonne. Hip-Hop und Techno dröhnen aus Cafés, in denen noch vor wenigen Jahren Rohrflöte, Lithofon und Kürbisgong erklangen. Unaufhaltsam rasen Kolonnen röhrender Mopeds durch die Straßen, kommen kaum an den roten Ampeln zum Stehen. Alles verändert sich, nichts scheint stillzustehen.

Die Altstadt: Labyrinth der 36 Straßen

Lediglich die Altstadt von Hanoi – „Ba Muoi Pho Phuong“, die Stadt der 36 Straßen – konnte ein wenig von der asiatischen Gelassenheit bewahren. Ein Mikrokosmos vietnamesischer Lebensart mitten im brodelnden Schmelztiegel aus aufblühendem Kapitalismus und Ho-Chi-Minh-Verehrung. In jeder Straße arbeitet und lebt eine andere Zunft: Parallel zur Schmiedegasse liegt die Kräuterstraße, die in die Tuchgasse mündet, von der wiederum die Schuhmachergasse abzweigt. Ein Labyrinth aus schmalen Nischen, Straßen und Gängen – wer einmal hineingeht, findet so schnell nicht wieder hinaus.

Zwei Frauen in einem Geschäft für Bastmatten in Hanois Altstadt Ba Muoi Pho Phuong – Stadt der 36 Straßen
Bastmattenverkauf in der Altstadt von Hanoi

Die Rote The-Huc-Brücke am Hoan-Kiem-See in Hanoi spiegelt sich im Wasser.
Altstadt von Hanoi, The-Huc-Brücke am Hoan-Kiem-See

Kinder erzeugen Seifenblasen zum Mid-Autumn-Fest (Tet Trung Thu) in Hanoi.
Hanoi, Zum Mid-Autumn Festival Trung Thu haben alle ihren Spaß.

Kreuzung mit Verkehr am Abend nahe dem Hoan-Kiem-See in der Altstadt von Hanoi
Vietnam, Hanoi, Verkehr am Hoan-Kiem-See

Stromaufwärts entlang am Roten Fluss

„Fahrkarten bitte!“ – Der Befehl hallt durch den Waggon wie ein militärischer Weckruf. Widerwillig heben sich die schlaftrunkenen Köpfe von den harten Holzbänken. Der Zugbegleiter, hochgewachsener Mittvierziger, kennt keine Gnade. Mit scharfem Blick reißt er den letzten Tiefschläfer aus seinem schönsten Traum.

Ein Getränkewagen folgt dem Kontrolleur und nutzt das kollektive Erwachen. Heißer Kaffee, stark gesüßter Tee, Instant-Nudelsuppen, Sandwiches, getrocknetes Rindfleisch und Tabak aus der Bambuspfeife halten die Fahrgäste für die nächsten Minuten wach.

Durch smaragdgrüne Felder am Roten Fluss

Immer stromaufwärts entlang des Roten Flusses frisst sich der Zug wie eine Raupe durch die atemberaubende Landschaft. Grauer Morgendunst löst sich langsam auf, lässt erste Sonnenstrahlen hindurch. Die Konturen der endlosen Reisfelder verschwimmen zu einem smaragdgrünen Meer am Horizont. Aus dem satten Grün erheben sich weiße Kuhreiher, tauchen wenige Meter weiter wieder ab. Stoisch kauende Wasserbüffel trotten entlang der Bahnschienen, blicken teilnahmslos dem vorbeiziehenden Zug hinterher.

Packliste für Vietnam: Diese wichtigen Dinge sollten unbedingt ins Gepäck

» Vietnam: Packliste

In der Packliste findest du unsere Tipps, was in deinem Gepäck nicht fehlen darf.

Höchster Berg Vietnams: Fansipan

Nach acht Zugstunden von Hanoi tauchen im dunstigen Blau die ersten Silhouetten der Hoàng-Liên-Berge auf. Der Gipfel des höchsten Berges Vietnams – der Fansipan mit 3.143 Metern – liegt wie fast immer in einem Wolkenmeer verborgen.

In Lao Cai kommt der Zug langsam zum Stehen. Endstation. Eine knisternde Lautsprecherstimme bittet alle Fahrgäste auszusteigen. Auf dem Bahnhofsvorplatz warten bereits Minibusse für die Weiterfahrt ins Hochland nach Sa Pa. Die Müdigkeit scheint wie weggeblasen. Wie vom Blitz getroffen stürmen die Ankömmlinge zu den Bussen, drängeln und schubsen, um die begehrten vorderen Sitzplätze zu ergattern.

Dann quält sich der Bus fast eine Stunde lang über steile Serpentinen hinauf nach Sa Pa – im Schritttempo, aber mit jeder Kurve näher an die nebligen Gipfel und die spektakuläre Bergwelt Nordvietnams.

Passagiere auf Holzbänken im Zug von Hanoi nach Sapa, im Hintergrund eine Verkäuferin mit Getränkewagen
Zugreise in Vietnam von Hanoi nach Sa Pa, Eisenbahnwagen der Holzklasse

Sa Pa – einst Sommerresidenz der Franzosen

Die 1.650 Meter hochgelegene Kleinstadt wurde ursprünglich von den französischen Kolonialherren als Sommerfrische ausgebaut, um der schwülwarmen Hitze Hanois zu entkommen. Die 1912 fertiggestellte Straße erleichterte den Transport von Baumaterial und Maschinen in die abgelegene Bergregion. Villen, Hotels, Wohnkomplexe und Hospitäler entstanden unter französischer Leitung. Sa Pa entwickelte sich mit gut funktionierender Infrastruktur zum beliebten Ausflugsort für Aristokraten und Wohlhabende.

✅ Eine gute Möglichkeit, die Umgebung von Sapa kennenzulernen, ist diese 🥾 » Wanderung zu den Bergdörfern durch die Reisterrassen*. Normalerweise wird die Wanderung von einem erfahrenen Guide begleitet, der zu den Minderheiten gehört, in einem der Bergdörfer aufgewachsen ist und viel über das Leben der Bergbevölkerung erzählen kann.

Nachdem immer mehr Soldaten in Lao Cai stationiert wurden, gewann Sa Pa weiter an Bedeutung. Anfang der 1950er Jahre mussten die Besatzer das kühle Domizil wieder aufgeben – und zerstörten fast alles, damit den anrückenden Kommunisten nichts in die Hände fallen konnte. Danach entfachte der Indochina-Krieg, später machten Grenzstreitigkeiten mit China die Bergregion für Besucher nahezu unzugänglich.

Heute sonnt sich Sa Pa wieder im stetig wachsenden Touristenstrom. Seit einigen Jahren sprießen Hotels, Restaurants, Internetcafés und Souvenirläden wie Pilze nach einem warmen Sommerregen aus dem Erdboden. Ethnische Volksgruppen wie die Schwarzen Hmong in indigoblauen Trachten, die Blumen-Hmong und die Roten Dao mit ihrem auffälligen Kopfschmuck – von den Franzosen Montagnards genannt – machen die ehemalige Bergstation zu einem der exotischsten Bergorte Vietnams.

Hoteltipps für Sapa

In Sapa gibt es eine Vielzahl an charmanten Hotels, die oft traditionelle Architektur mit modernem Komfort verbinden. Viele Unterkünfte bieten atemberaubende Ausblicke auf die terrassierten Reisfelder und die umliegenden Berge. Besonders beliebt sind Hotels mit lokalem Flair, die authentische Küche und freundlichen Service direkt vor Ort anbieten.

Hotels in Sapa

  • Die unschlagbare Lage der » Laxsik Ecolodge*, direkt über den Reisterrassen, war für uns ausschlaggebend, dort ein paar Nächte zu verbringen. Die mit Holz getäfelten Zimmer sind sehr gemütlich. Der Service ist rundherum perfekt!
  • Als wir dann direkt in Sapa übernachten wollten, fiel unsere Wahl auf das » Stella De Boutique Hotel*, das sehr zentral und nur eine Parallelstraße vom See entfernt liegt. Die traditionell eingerichteten Zimmer mit den floralen Gemälden sind etwas ganz Besonderes. So ein freundliches Personal haben wir selten erlebt.
Hotels in Sapa

Hotels in Sapa

Bergvolk der Schwarzen Hmong auf einer Reisterrasse bei der Reisernte in Sapa
Sa Pa, Reisernte bei den Schwarzen Hmong

Frauen der Red Dao mit traditioneller Kopfbedeckung auf dem Markt in Sapa
Vietnam, Sapa, Frauen der Ethnie Red Dao auf dem Markt

Wochenmarkt in Sapa

Ein Höhepunkt jedes Wochenendes ist der Markt der Bergbevölkerung. Im Morgengrauen strömt ein buntes Völkergemisch aus den umliegenden Dörfern mit geflochtenen Tragekörben voller Waren auf den überdachten Marktplatz. Zu kaufen gibt es hier fast alles: vom getrockneten Chili über Seife, Hundefleisch, Unterhosen und Metallschmuck bis hin zu Fernsehantennen.

Die Landschaft rund um Sa Pa ist einfach grandios. Überall, wohin man blickt, winden sich Reisterrassen in sanften Kurven über die steilen Hänge der Bergrücken. Während der Erntezeit leuchten die Felder in allen Gelbschattierungen in der Abendsonne. Das Dreschen der Getreidebüschel hallt bis zum späten Abend durch die „Tonkinesischen Alpen“. Meist klammern sich weiße Wölkchen an die Gipfel und lassen sie wie Sahnehäubchen auf einem Früchtemousse erscheinen.

Die meiste Zeit des Jahres jedoch wabern dicke Nebelschwaden durch die weiten Täler der Hoàng-Liên-Berge. Im Winter kann es hier bis zur Frostgrenze abkühlen – Schnee lag bereits auf den Dächern von Sa Pa.

Blick von oben auf Reisterrassen und Häuser der Schwarzen Hmong
Umgebung von Sa Pa: Siedlung der Schwarzen Hmong umgeben von Reisterrassen

Frauen der Schwarzen Hmong färben ihre Baumwollkleider in Tonnen mit indigoblauer Farbe.
Frauen der Black Hmong beim Färben

Bergvölker Red Dao und Black Hmong

Ly May Pham kennt jeden Winkel von Sa Pa. Die 16-Jährige vom Volk der Red Dao trifft sich an den Wochenenden mit ihren Freundinnen, um Neuigkeiten auszutauschen oder abends ein wenig durch die Straßen zu flanieren. Vor allem aber versucht sie, ihre bestickten Taschen, Maultrommeln und Silbermünzen an Touristen zu verkaufen.

Über drei Stunden Fußmarsch von ihrem Heimatort Taphin nimmt sie dafür in Kauf – ein Mopedtaxi kostet umgerechnet einen Dollar, das Geld für die Rückfahrt muss sie sich erst verdienen. Normalerweise bleibt Ly May Pham das ganze Wochenende in Sa Pa und übernachtet in einem Schlafsaal für wenige Vietnamesische Dong. Doch wie jedes Jahr im September ist auch diesmal Erntezeit. Am Abend muss sie zurück nach Hause: Jede helfende Hand wird beim Schneiden und Dreschen auf dem Reisfeld gebraucht.

Ly May Pham wohnt mit ihren Eltern und drei Geschwistern in einem Vorzeigedorf der vietnamesischen Regierung. Die 700 Einwohner zählende Gemeinde Taphin bekam vor drei Jahren eine neue Schule mit fünf eingerichteten Unterrichtsräumen. Weit sichtbar thront das weißgetünchte Gebäude auf einer kleinen Anhöhe mitten im Dorf. Sogar der einzige Weg durch das Dorf wurde mittlerweile betoniert.

Einheimische laufen auf einem asphaltierten Weg durch das Bergdorf Taphin in Nordvietnam
Black Hmong und Red Dao im Bergdorf Taphin, nahe Sa Pa.

Frauen der Roten Dao trennen die Spreu vom Reis im Bergdorf Taphin.
Vietnam, Taphin, Frauen der Roten Dao auf dem Reisfeld

Seitdem werden von vietnamesischen Reiseunternehmen Touristen durch den Ort geschleust, um den Anschein einer zufriedenen Bergbevölkerung zu erwecken. Die zusätzliche Einnahmequelle bringt aber auch etwas Wohlstand für die Dorfbewohner.

Tradition, Schule und Schwarzes Gold

Nach der Ernte – die Dao bauen Reis, Mais und Kartoffeln an – haben Frauen und Mädchen kaum andere Verdienstmöglichkeiten, als Schmuck und Stickereien an Touristen zu verkaufen. Doch auch geschäftstüchtige Flachland-Vietnamesen – so nennen die Bergvölker die Vietnamesen aus tiefer gelegenen Regionen – haben den Markt entdeckt und begonnen, den ersten Souvenirshop zu eröffnen, auch zum Ärger der Dorfbewohner von Taphin.

Die Schule, sagt Ly May Pham, „bringt uns wirklich weiter“. Hier können sie – obwohl von einigen Lehrern aus Hanoi demotiviert oder zwangsversetzt – Vietnamesisch, Geografie und Mathematik lernen. Ihre Eltern beherrschen die Sprache nur in Bruchstücken und können weder lesen noch schreiben. Die Schrift der Roten Dao stammt aus dem Chinesischen. Nur den Männern ist es vorbehalten, die Bücher mit den chinesischen Schriftzeichen vor wichtigen Entscheidungen zu konsultieren – zum Beispiel vor einer Hochzeit oder dem Verkauf von Vieh.

Nach der Ernte ist Ly May Phams Vater oft tagelang in den Bergen unterwegs, um die „Früchte des Waldes“ zu sammeln – den schwarzen Kardamom. Auf dem Markt in Sa Pa erzielt er für ein Kilo des „Schwarzen Golds“ umgerechnet drei Euro, ein Bruchteil dessen, was Händler beim Weiterverkauf in Hanoi verlangen. Bis vor Kurzem stellten die Männer im Wald noch Fallen für Kleinwild auf und gingen mit Gewehren auf Vogeljagd. Die vietnamesische Regierung hat inzwischen jedoch versucht, alle Schusswaffen der Minoritäten zu konfiszieren. Offiziell, um den Artenschutz in den Waldgebieten zu sichern; inoffiziell vermutlich aus Vorsicht: Nach bewaffneten Aufständen der Minderheiten im zentralen Hochland fürchtet die Regierung, dass auch in Nordvietnam Übergriffe drohen könnten.

Zwei Personen der Volksgruppe Black Hmong durchqueren einen Fluss.
Bergort Taphin, Ehepaar vom Bergvolk der Schwarzen Hmong

Volksgruppen in Vietnam sollen sesshaft werden

In Taphin leben die Roten Dao gemeinsam mit der Volksgruppe der Schwarzen Hmong. Solche Gemeinschaften finden sich in ganz Nordvietnam. Ursprünglich waren diese Bergstämme jedoch nie richtig sesshaft.

Im 13. Jahrhundert wanderten die Red Dao aus Südchina nach Laos, Thailand und Vietnam ein. Später folgten die Hmong, Thai und Giay. An den Berghängen bauten sie Trockenreis und Mais an. Wenn der Boden nach mehreren Ernten ausgelaugt war, zogen sie weiter in ein anderes Gebiet. Dieses halbnomadische Leben führte dazu, dass in Nordvietnam immer mehr Waldgebiete durch Brandrodung verloren gingen.

Seit den 1980er Jahren verfolgt die Regierung Vietnams eine Politik, die ethnischen Volksgruppen dauerhaft sesshaft machen soll. Die Bergstämme sollen in bestimmten Gebieten angesiedelt und zu stationärer Landwirtschaft bewegt werden. Die Red Dao ließen sich in den mittleren Bergregionen nieder, bauten Nassreis an und hielten Schweine, Geflügel und Wasserbüffel. Einige Schwarze Hmong zogen in noch höher gelegene Regionen. Sie sind die Architekten der eindrucksvollen Reisterrassen, die heute die Berghänge Nordvietnams prägen.

Ly May Pham und Ly Su May vom Bergvolk der Roten Dao im Bergdorf Taphin
Taphin in Nord-Vietnam, Ly May Pham und Ly Su May von den Red Dao

Ly May Pham träumt davon, einmal in einer größeren Stadt wie Sa Pa oder Lao Cai zu leben und als Englischlehrerin zu arbeiten. Dafür hätte sie aber nach ihrer 6-jährigen Grundschulausbildung eine Hochschule in Lao Cai besuchen müssen und dort ein Studium absolvieren. Doch für Studiengebühren und Übernachtung in der Grenzstadt zu China fehlte der Familie das Geld.

Eltern suchen passenden Ehepartner aus

Die Tradition verlangt, dass Mädchen spätestens mit neunzehn Jahren einen Jungen aus der Umgebung heiraten. Vorher ziehen die Eltern in die Nachbardörfer, um einen passenden Mann auszuwählen. Stimmen die Horoskope überein, gilt die Hochzeit als perfekt.

Für die Hochzeitsfeier ihrer älteren Schwester vor drei Jahren schlachteten die Eltern acht Schweine und kochten 100 Kilogramm Reis, um das ganze Dorf zu versorgen. Dafür mussten sie sich Geld bei den Nachbarn leihen. Bei Hochzeiten verschulden sich Familien oft so stark, dass sogar die Kinder später noch die Schulden abbezahlen müssen.

Normalerweise zieht die Braut nach der Trauung zu den Eltern des Mannes. Da Ly Ta May jedoch keine Brüder hat, lebt ihr Mann nun bei ihren Eltern. Dafür zahlte die Familie die stattliche Mitgift von fünf Millionen Vietnamesischen Dong an die Eltern des Mannes.

Ly May Pham wird nach ihrer Hochzeit ebenfalls zu ihrem Mann ziehen müssen. Das macht sie schon heute traurig. Doch vielleicht finden ihre Eltern einen geeigneten Jungen aus Taphin. Bis es soweit ist, möchte sie so oft wie möglich an den Wochenenden nach Sa Pa fahren, ihre Souvenirs verkaufen, Touristen aus aller Welt treffen und vor allem ihr Englisch verbessern.

Blick von oben auf gelbe Reisterrassen der Schwarzen Hmong
Der Bergort Sa Pa ist umgeben von Reisterrassen.

Unser Fazit zur Zugfahrt nach Sapa und Taphin

Die Reise von Hanoi über Lao Cai nach Sapa und Taphin ist mehr als nur eine Zugfahrt durch Nordvietnam. Sie ist ein Eintauchen in die Kultur, Geschichte und Lebenswelten der Bergvölker. Während die Zugfahrt entlang des Roten Flusses durch smaragdgrüne Reisfelder und neblige Bergtäler führt, begegnen wir hoch im Norden den traditionellen Red Dao und Black Hmong, erleben ihre Märkte, Handwerkskunst und Festlichkeiten hautnah. Die historische Altstadt von Hanoi, der raue Charme von Sapa und die beeindruckenden Reisterrassen der Hoàng-Liên-Berge zeigen eindrucksvoll, wie Vietnam Tradition und Moderne verbindet.

Für alle, die das authentische Nordvietnam entdecken möchten, bietet diese Route einzigartige Einblicke – von der Zugfahrt über den Wochenmarkt in Sa Pa bis zu den Bergdörfern wie Taphin, in denen das tägliche Leben und jahrhundertealte Traditionen der Bergvölker noch spürbar sind. Wer Hanoi, Sapa und Taphin bereist, taucht ein in ein Kaleidoskop aus Natur, Kultur und menschlichen Geschichten. Es war für uns ein unvergessliches Abenteuer, das wir jedem Vietnam-Reisenden empfehlen.

Der beste Reiseführer für Vietnam

In Vietnam nutzen wir immer den aktuellsten Reiseführer von Stefan Loose oder Reise Know-How. Zwar sind Blogs und digitale Reiseberichte immer nützlich, aber einen gedruckten Reiseführer von Vietnam solltest du auf deiner Reise auch im Gepäck haben.

Vietnam von Stefan Loose: Nützliche Infos, gut recherchiert und detaillierte Karten.

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