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Langhals-Frauen in Thailand: Das Leben der Padaung zwischen Flucht, Tradition und Tourismus
Aus Myanmar vertrieben, in Thailand ohne Rechte: Die sogenannten Langhals-Frauen der ethnischen Volksgruppe Padaung sind in Thailand sehr gern gesehene Flüchtlinge – für Geschäftemacher ebenso wie für zahlende Touristen.
In touristisch erschlossenen Dörfern im Norden Thailands, nahe dem Goldenen Dreieck, Chiang Rai und Mae Hong Son, gehören sie für viele Reisende zu den „Sehenswürdigkeiten“. Wer diese Orte besucht, erlebt jedoch weit mehr als exotische Fotomotive – es ist eine Begegnung mit Flucht, Tradition und den Schattenseiten des Ethno-Tourismus.
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Artikelinhalt: Long Neck Women in Thailand
- Flucht aus Myanmar vor dem Militär
- Das Halskorsett wiegt acht Kilogramm
- Ursprung der Tradition der Padaung
- Halsschmuck als Schönheitsideal
- Ethno-Tourismus: Ein Käfig ohne Gitter
- Protest gegen das System
- Menschenzoo oder Lebensraum zum Schutz
- Wissenswertes: Die Padaung
- Reiseführer für Thailand

Flucht aus Myanmar: Vertreibung der Padaung durch das Militär
Der Abschied von ihrer alten Heimat Loikaw im Osten Myanmars fiel der jungen Ma Pai nicht allzu schwer, sagt sie. Dort wo sie herkommt, wurde jahrelang ihr Volk, die ethnische Minderheit der Padaung, mit militärischer Härte unterdrückt und systematisch vertrieben. Immer wieder überfiel das burmesische Militär ihr Dorf, brannte die Hütten nieder und zerstörte ihre Reisfelder, als Rache für die Unterstützung der Unabhängigkeitskämpfer. Myanmars Generäle waren da nicht zimperlich.
Nach der Odyssee einer tagelangen Flucht aus ihrem Heimatdorf und Verharren in einem thailändischen Auffanglager gleich hinter der burmesischen Grenze, lebt die 34-Jährige nun schon seit drei Jahren in Paoo Nangalae, einige Kilometer nördlich von der Stadt Chiang Rai. Sie wurde mit ihrem Ehemann She Lowa, den beiden Kindern und weiteren 17 Angehörigen ihres Volksstammes aus dem Flüchtlingscamp hierher umgesiedelt. Paoo Nangalae ist kein gewachsenes Dorf, sondern eine künstlich erschaffene Siedlung aus Bambushütten und Wanderwegen für den Ethno-Tourismus. Gegründet von einem geschäftstüchtigen Thai, der hier mehrere ethnische Gruppen aus Myanmar gemeinsam wohnen lässt, die tagsüber zahlenden Touristen ein unverfälschtes Leben vorzugaukeln haben.



Bis acht Kilogramm Messing: Das Halskorsett der Langhals-Frauen
Was die Padaung, auch bekannt als Kayan, so einzigartig macht? Keine Frau einer anderen ethnischen Gruppe trägt permanent so auffälligen Halsschmuck wie die sogenannten Langhals-Frauen. Traditionell bekommen die Mädchen im Alter von fünf bis sechs Jahren ihren ersten Messingring um den Hals gelegt. Schamanen ermitteln dafür das richtige Datum, die Konstellation der Sterne ist für den Beginn der Zeremonie ausschlaggebend. Ähnlich wie die Novizenweihe shin pyu bei den Burmesen, wird auch bei den Padaung dafür ein aufwendiges Fest ausgerichtet. Die Anzahl der Windungen erhöht sich sukzessive mit dem Alter, bei den meisten Mädchen und Frauen eine pro Jahr. Die Messingspirale besteht aus einem sechs Millimeter dicken Rundmaterial und wird aus einem Stück um den Hals gebogen. Bei einer betagten Frau können sieben bis acht Kilogramm Messing die Schultern belasten. Das Gewicht von dem glänzenden Halskorsett drückt im Laufe der Jahre die Schlüsselbeine und Rippen nach unten, verlängert so den Abstand zwischen Schultern und Kinn. Die Halswirbel selbst werden nicht gestreckt. Durch den einsetzenden Muskel- und Gewebeschwund wird der Hals dünner und wirkt auch dadurch wesentlich länger. Das hat den Padaung-Frauen die entwürdigenden Namen „Giraffen-Frauen“ und „Langhälse“ eingebracht.

Ursprung der Tradition: Schutz, Mythos oder Zwang?
In Paoo Nangalae kann niemand eindeutig erklären, weshalb die Padaung diese schwergewichtigen Halsringe als Zierde benutzen. Die 40-jährige Ma Chang trägt 27 Windungen und damit den auffälligsten Halsschmuck in der Siedlung. Sie erzählt, dass sich mehrere Geschichten um diese einmalige Tradition ranken. Einmal war es wohl der Schutz vor Tigerbissen, wenn die Frauen allein im Dschungel nach Kräutern und Wurzeln suchten; nach einer anderen Überlieferung sollten die Messingringe die Frauen für räuberische Männer anderer Volksstämme unattraktiv machen und so vor Entführungen schützen.
Halsschmuck als Schönheitsideal der Padaung
Ethnologen schließen einen Zusammenhang mit der Anbetung von Schlangen- und Drachengeistern nicht aus. Um den Geistern ihre Ehre zu erweisen und sie immer gnädig zu stimmen, sollten die Töchter der Padaung das Aussehen einer Schlange imitieren. Wegen der jahrelangen Abschottung ihres Lebensraumes durch das burmesische Militär geben die Padaung heute immer noch viele Rätsel auf.

Eins ist aber sicher, heute ist der Halsschmuck auch ein Schönheitsideal. Die Frau mit den meisten Ringen genießt das höchste Ansehen in der Gemeinschaft. Auf knapp drei Kilogramm Metall am Hals und an den Beinen hat es Ma Pai schon gebracht. Mit sieben Jahren bekam sie ihren ersten Messingring. Vorher konnte die Familie nicht genug Geld für den Schmuck aufbringen. Der Messingschmuck von Ma Pai ist stets auf Hochglanz poliert. Mit der Säure der Limette und einem weichen Baumwolltuch bekommt das Messing seinen metallischen Glanz. Um beim Tragen das Wundscheuern der Haut zu vermeiden, trägt sie zwischen Metall und Kinnpartie ein weiches Stück Stoff, das sie selbst kunstvoll bestickt hat.


Ein Käfig ohne Gitter: Ethno-Tourismus und Abhängigkeit
Für Ma Pai, Ma Chang und die anderen Frauen in Paoo Nangalae verlangt das Tragen der Messingringe nicht nur die althergebrachte Tradition, sondern auch der Besitzer des umstrittenen Touristenziels. Ihr Schmuck soll so viel wie möglich Besucher anlocken, denn ohne Halsschmuck keine Touristen und ohne Touristen kein Einkommen. Monatlich erhalten die Frauen umgerechnet 40 Euro zum Leben. Die Einnahmen aus den Souvenirverkäufen dürfen sie für sich behalten. Eine mitten im Dorf aufgestellte Spendenbox wird täglich nach Sonnenuntergang geleert und gleichmäßig unter allen Bewohnern aufgeteilt.
Fragt man Ma Pai was sie fühlt, wenn sie täglich von Touristen begafft wird und für etliche Kameras ein zufriedenes Lächeln aufsetzen muss, findet sie nicht gleich die passenden Worte. Offiziell müsste ihre Antwort lauten, dass sie sich freut, wenn Besucher in ihr Dorf kommen und sich für das Leben und die Kultur der Padaung interessieren. Ma Pai erträgt es mehr oder weniger stillschweigend in einem Käfig ohne Gitter als Fotomodell ausgestellt zu werden. Sie weiß, dass es aber auch die einzige Chance ist mit ihrer Familie in Frieden zu leben. In Myanmar gibt es für sie keine Zukunft mehr. Manchmal ist sie sogar froh hier zu sein, wenn Besucher eine selbstgeschnitzte Padaung-Puppe oder einen handgewebten Schal in ihrem kleinen Souvenirstand kaufen.




Protest gegen das System: Junge Frauen brechen mit der Tradition
In der Region Mae Hong Son, nur einige Kilometer von der burmesischen Grenze entfernt, entstanden vor 20 Jahren die ersten Camps mit Padaung-Familien, die für Touristen leicht erreichbar und für pfiffige Geschäftsleute eine Goldgrube waren. Hier haben einige junge Frauen mit dieser Tradition gebrochen und sich ihrem Messingkorsett entledigt. Dieser Protest richtete sich gegen die Regierung von Thailand, die ihnen nicht erlaubt das Dorf zu verlassen, um sich eine richtige Arbeit zu suchen oder eine Ausbildung zu machen.
Menschenzoos oder Lebensraum zum Schutz? Kritik von UNHCR
Für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sind diese Dörfer nichts weiter als Menschenzoos. Für Herrn Anan, Gründer vom Dorf Paoo Nangalae, ist es ein sozialer Lebensraum für unterdrückte Völker. Wie auch immer: Zu mindestens hat er eine kleine Schule für die Kids auf dem Gelände bauen lassen. Hier unterrichtet zweimal wöchentlich eine Lehrerin aus Chiang Rai die Landessprache Thai und ein wenig Englisch. Ein kleiner Hoffnungsschimmer.


Hintergrund: Die Padaung – Herkunft, Traditionen und Fluchtgründe
Herkunft der Padaung: Die Volksgruppe im Grenzgebiet
Die Padaung, auch Kayan genannt, stammen ursprünglich aus dem östlichen Teil Myanmars, vor allem aus dem Kayah State. Sie leben seit Jahrhunderten in kleinen Dörfern im bergigen Grenzgebiet zwischen Myanmar und Thailand. Traditionell sind sie für ihre handwerklichen Fähigkeiten bekannt, darunter Weben, Töpfern und die Herstellung von Schmuck.
Traditionen und spirituelle Bedeutung
Besonders auffällig ist die Praxis, bei den Frauen Messingringe um den Hals zu tragen, die im Laufe der Jahre sukzessive ergänzt werden. Dieses Ritual hat sowohl kulturelle als auch spirituelle Bedeutung: Es gilt als Zeichen von Schönheit, Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und in manchen Überlieferungen auch als Schutz vor Gefahren oder bösen Geistern. Viele Padaung praktizieren eine Mischung aus Animismus und Buddhismus, wobei Ahnen- und Geisterverehrung einen wichtigen Bestandteil des Alltags darstellt.
Lebensweise und Alltagskultur
Über Generationen lebten die Padaung eng mit der Natur verbunden. Sie betrieben Subsistenzwirtschaft, bauten Reis an, sammelten Kräuter und lebten in kleinen, eng verbundenen Dorfgemeinschaften. Handwerk und traditionelle Feste spielten eine zentrale Rolle, um die Kultur innerhalb der Gemeinschaft weiterzugeben.
Fluchtgründe: Gewalt und Verfolgung in Myanmar
In den letzten Jahrzehnten wurden die Padaung massiv unter Druck gesetzt. Die burmesische Militärregierung verfolgte Minderheiten in Kayah State, zerstörte Dörfer und enteignete Felder. Viele Padaung sahen sich gezwungen, in benachbarte Länder zu fliehen, vor allem nach Thailand, um Gewalt, Zwangsarbeit und Diskriminierung zu entkommen.
Leben in Thailand: Zwischen Tourismus und kulturellem Erhalt
In Thailand angekommen, haben viele Familien nur eingeschränkte Rechte, leben in Flüchtlingscamps oder in touristisch inszenierten Dörfern und sind auf die Einnahmen aus dem Ethno-Tourismus angewiesen. Trotz der prekären Lebenssituation versuchen die Padaung, ihre kulturellen Traditionen zu bewahren. Sie balancieren dabei immer wieder zwischen Anpassung an die touristische Realität und dem Erhalt ihrer Identität.
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